Zähne und Psychose, okklusale Hypervigilanz, psychosomatische Störung?

bemalter Mann mit Schmerzen© YariK - Fotolia.com

Hypervigilanz

Die Zahl der Patienten denen ein erklärender körperlicher Befund nicht zugeordnet werden kann, nimmt ständig zu. Die Patienten klagen z.B. über Brennen, Wundgefühl, Geschmacksirritationen, Druckgefühl, allgemeine Mißbefindlichkeiten wie Abgeschlagenheit, Leistungsabfall, Konzentrationsschwäche, Gereiztheit und Schlaflosigkeit. Oft werden die Beschwerden von den Patienten mit zahnärztlichen Behandlungen oder dabei eingesetzten Restaurationsmaterialien in Zusammenhang gebracht. Solche Befindlichkeitsstörungen ohne eigentliche körperliche Ursache werden in vielen Fällen einem psychosomatisch dominierten Geschehen zugeordnet. Mit Psychosomatik wird in der Medizin die Lehre bezeichnet, in der die geistigen Fähigkeiten und psychischen Reaktionsweisen von Menschen in Gesundheit und Krankheit in ihren Verflechtungen mit körperlichen Vorgängen betrachtet werden.

Nach dem Konzept der Psychosomatik werden z.B. seelische Probleme in Zahnprobleme projiziert. Nicht selten erfolgen daraufhin frustrane zahnärztliche Behandlungen, die einerseits die seelischen Probleme verstärken können, andererseits körperliche Probleme verursachen können. Das Gegenteil der Psychosomatik ist die Somatopsychologie, welche die Auswirkungen von körperlichen Erkrankungen auf emotionale und kognitive Prozesse untersucht. Zwar ist es sicherlich nicht Aufgabe des Zahnarztes, neurologisch- psychiatrische Diagnosen zu stellen oder gar entsprechende Therapien durchzuführen, doch sollte auch der Zahnarzt in der Lage sein, psychosomatische Störungen zu erkennen und das weitere Vorgehen entsprechend darauf abzustimmen. Diese Forderung wird zunehmend auch von der Rechtsprechung in Haftpflichtfällen erhoben.

Viele Patienten klagen über Mißempfindungen im Mund, nach zahnärztlichen Eingriffen. Häufig sind dafür klinische Befunde verantwortlich, z.B. undichte Kronenränder, es gibt aber auch viele Fälle, bei denen die zahnärztlichen Arbeiten korrekt durchgeführt wurden, Mißempfindungen aber trotzdem bestehen. Nicht alles ist dann eine psychosomatische Störung, in vielen Fällen liegt eine sogenannte okklusale Hypervigilanz, auch okklusale Dysästhesie genannt, vor. Unser Kauapparat reagiert auf kleinste Veränderungen, so ist das „Tastorgan“ Zahn ein sehr empfindliches Organ. Minimalste Veränderungen werden registriert – Sie kennen das selbst, wenn Sie sich z.B. eine Fleischfaser zwischen die Zähne ein beißen. Häufig hat man das Gefühl, die Zähne werden meterweit auseinander gedrückt und in Wirklichkeit ist es eine kleine Faser. Bei Patienten, bei denen vor allem sehr viele Behandlungen in kurzer Zeit erfolgten, mit denen der Patienten unter Umständen zurecht unzufrieden war und diese deshalb wiederholt werden mussten, kann das „Tastorgan“ überempfindlich werden. Wenn der Zahnarzt in solchen Fällen keine weiteren klinischen Befunde findet, dann kann diese Diagnose vorliegen. Weitere Behandlungsversuche sind am Besten zu unterlassen, eine gründliche Aufklärung des Patienten über die okklusale Hypervigilanz, kann die Beschwerden des Patienten beseitigen und/oder lindern.

Es muß allerdings eindringlich gefordert werden, daß die Diagnosen psychosomatische Störung und/oder Hypervigilanz, keinesfalls die Funktion eines Alibis für fehlerhafte Behandlung oder zur Abschiebung eines unbequemen Patienten bekommen darf.

Von der okklusalen Hypervigilanz und der Psychosomatik sind Patienten mit tatsächlichen psychischen und neurologischen Erkrankungen abzugrenzen. Die Krankheitsbilder sind z.B. Depressionen und Psychosen.

Normalerweise gelingt es dem Arzt durch eine ausführliche Anamnese und Einbeziehung aller Befunde und der klinischen Situation diese Fälle voneinander zu unterscheiden. Dies kann leider manchmal mehrere Jahre dauern. Wenn also z.B. eine Diskrepanz zwischen Befund und Befinden, ein Wechsel der Beschwerden, eine Unbeeinflussbarkeit der Beschwerden,  durch ansonsten verlässlich wirksame Maßnahmen, ungewöhnliche Mitbeteiligung der Persönlichkeit des Patienten, vorliegt, dann sollte zwischen Psychosomatik, okklusaler Hypervigilanz und psychiatrischen Krankheiten unterschieden werden. Dadurch können Patient und Zahnarzt vor ungezielten Verlegenheitstherapien und verhängnisvollen Fehlbehandlungen bewahrt werden.

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