Was sind Retinierte Weisheitszähne?

 

Röntgenbild von einem retinierten Weisheitszahnbelsky

 

Weisheitszahn retiniert

Der Begriff der Retention bezeichnet eine Position des Weisheitszahnes, bei der nach Abschluss des Wurzelwachstums die Kauebene nicht erreicht wird.

Als partiell retiniert gilt hierbei ein Zahn, bei dem Anteile der Krone die Mundhöhle erreichen oder über den Parodontalapparat des benachbarten Mahlzahnes mit der Mundhöhle in Verbindung stehen.

Als vollständige retiniert gelten Zähne, die keinerlei Verbindung zur Mundhöhle aufweisen.

Im medizinischen Jargon findet man aber noch andere Begriffe, so bedeutet Impaktierung, die vollständige knöcherne Einbettung des Zahnes.

Als verlagert gilt ein Zahn, dessen Achse oder Position von der regulären Durchbruchsrichtung abweicht.

Wann sollte nun der Weisheitszahn entfernt werden, wenn er retiniert, partiell retiniert, oder gar impaktiert ist, oder aber erst wenn der Zahn Probleme macht? Unter Problemen versteht der Patient üblicherweise Schmerzen! Schmerzen sind aber an sich ein sehr unzuverlässiges Zeichen in der Medizin, so schmerzt z.B. ein bösartiger Tumor erst kurz vor dem Ende, Bluthochdruck tut gar nicht „weh“.

Somit ist der Schmerz unzuverlässig, es müssen also andere Überlegungen her, die uns zu einer Weisheitszahnentfernung veranlassen sollten. Da wären einmal klinische und radiologische Symptome zu nennen, wie z.B.:

  • wiederkehrende Infektionen im Bereich des Weisheitszahnes
  • Erweiterung des radiologischen Perikoronarraumes (das ist der Raum, der die Zahnkrone umgibt)
  • Perikoronare Auftreibung (beispielsweise durch Zystenbildung)
  • Schmerzen/Spannungsgefühl im Kiefer-Gesichtsbereich
  • Taschenbildung und Knochenresorption distal des letzten Mahlzahnes
  • Resorptionen an Nachbarzähnen
  • kariöse Zerstörung des Weisheitszahnes

Symptomlos verlagerte Weisheitszähne können also vorerst bei jungen Patienten beobachtet werden, dies untermauern Untersuchungen. Bei rund 30 % der um das 18. Lebensjahr zur Entfernung vorgesehenen Weisheitszähne kommt es im weiteren Verlauf bis zum 30. Lebensjahr regulär zur Einstellung der Zähne in die Zahnreihe. Andererseits ergeben sich mit zunehmendem Alter vermehrt Komplikationen bei der operativen Entfernung (z. B. reduzierte Regeneration des Parodonts und erhöhte Gefahr von Unterkieferfrakturen). Ein Nutzen der Weisheitszahnentfernung zur Vermeidung eines tertiären Engstandes der Unterkieferfrontzähne nach Abschluss einer kieferorthopädischen Behandlung konnte in einer Studie nicht dargestellt werden, allerdings ergaben sich beim Belassen der Weisheitszähne deutlich stärkere Verkürzungen der vorderen Zahnbogenlänge.

 

Unterkiefer Grafik mit Weisheitszahnbelsky

 

Weisheitszahn

Eine generelle Empfehlung kann daher nicht ausgesprochen werden. Bevor also die Entscheidung zur Zahnentfernung gestellt wird, sollte eine genaue Befunderhebung inklusive einer  Röntgenuntersuchung unter vollständiger Darstellung des Zahnes und Darstellung relevanter umgebender anatomischer Strukturen erfolgen. In Einzelfällen hilfreiche, weiterführende Untersuchungen wie z.B. Vitalitätsprobe der Nachbarzähne, Sensibilitätsprüfung (N. lingualis und N. mentalis), Bestimmung parodontaler Parameter (Taschentiefe), Computertomographie oder digitale Volumentomographie bei kritischer Lagebeziehung des Zahnes zur umgebenden Struktur, insbesondere zum N. alveolaris inferior können von Vorteil sein.

Auch sollte vor einer Entfernung an die Möglichkeit der Zahntransplantation gedacht werden. Gerade bei stark zerstörten 6ern und noch unvollständig abgeschlossenem Wurzelwachstum der 8er, kann eine Weisheitszahntransplantation ein sinnvolles Therapiekonzept sein! Alternativ zur Transplantation ist auch an eine Einstellung des Zahnes mittels Zahnspange zu denken, so kann mithilfe einer Zahnspange häufig der Weisheitszahn in die richtige Position gebracht werden, bei bestehender Zahnlücke kann dies eine Alternative zum Implantat sein.

Eine Behandlung unter Narkose/Sedierung kann bei erwartbaren Problemen bei der Mitarbeit des Patienten, bei großem Gesamtumfang der dentoalveolären Maßnahmen, bei manifesten lokalen Risikofaktoren oder auf ausdrücklichen Wunsch des Patienten indiziert sein. Eine stationäre Behandlung kann beispielsweise bei schwerwiegenden Allgemeinerkrankungen oder besonderen OP-Verläufen indiziert sein.

Mit welchen Risiken ist zu rechnen? Man unterscheidet lokale Risikofaktoren, die die Zahnentfernung erschweren können von systemischen Risikofaktoren, wie z.B. erhöhte Blutungsneigung bei Patienten mit Gerinnungsstörungen. Die nachfolgenden Befunde lassen ein erhöhtes lokales Risiko von Komplikationen bei der Zahnentfernung erwarten:

  • bestehende akute oder chronische Infektion
  • Wurzelanomalien
  • Enge Lagebeziehung zu Nachbarzähnen
  • Projektion des Nerv-Verlaufs des Mandibularkanals auf Anteile des retinierten Zahnes
  • Zahnverwachsungen
  • schwierige Lage des Weisheitszahnes
  • erfolgte Bestrahlung des Kieferknochens

Die möglichen Komplikationen wären z.B.:

  • Schädigung sensibler Trigeminusäste
  • postoperative Infektionen
  • Schädigung des benachbarten zweiten Molaren
  • Kieferfraktur
  • Perioperative Blutungskomplikationen
  • Anästhesiebedingte Schädigungen
  • postoperative Schwellung und Schmerzzustände

Während die Entfernung klinisch oder radiologisch symptomatischer Zähne in der Literatur weitgehend einheitlich befürwortet wird, kann eine generelle Empfehlung zur Entfernung symptomloser Weisheitszähne nicht wissenschaftlich belegt werden. Zusammengefasst besteht eine Indikation:

  • bei akuten oder chronischen Infektionen (Dentitio difficilis)
  • bei Pulpaexposition durch Zahnkaries
  • bei nicht restaurierfähigen kariös zerstörten Zähnen oder nicht behandelbarer Pulpitis
  • wenn sich Hinweise ergeben, dass der Weisheitszahn eine relevante Schmerzursache darstellt
  • bei nicht behandelbaren periapikalen Veränderungen
  • bei manifesten pathologischen Strukturen in Zusammenhang mit Zahnfollikeln (z. B. Zyste, Tumor) oder dem Verdacht auf derartige Veränderungen
  • bei Resorptionen an benachbarten Zähnen
  • im Zusammenhang mit der Behandlung von/und Begrenzung des Fortschreitens von parodontalen Erkrankungen
  • bei Zähnen, die bei der kieferorthopädischen und rekonstruktiven Chirurgie stören
  • bei Zähnen im Bruchspalt, die die Frakturbehandlung erschweren
  • bei der Verwendung des Zahnes zur Transplantation
  • wenn der elongierte/gekippte Weisheitszahn eine manifeste Störung der Okklusion darstellt

Eine Indikation zur Zahnentfernung besteht nicht:

  • sofern eine spontane, regelrechte Einstellung der Weisheitszähne in die Zahnreihe zu erwarten ist
  • wenn eine Extraktion anderer Zähnen und/oder eine kieferorthopädische Behandlung mit Einordnung des Zahnes sinnvoll ist
  • bei tief impaktierten und verlagerten Zähne ohne assoziierte pathologische Befunde, bei denen ein hohes Risiko operativer Komplikationen besteht
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