Der Zahnnerv mag keine Kunststoffe – sogenannte Komposit-Restaurationen

Im Rahmen der zahnärztlichen Füllungstherapie kommen Komposite (Kunststofffüllungen) in Kombination mit Haftvermittlern (sogenannten Primern/Adhäsiven) mit der Schmelz- und Dentinoberfläche der Zähne in direkten Kontakt. Dentin steht mit den sogenannten Dentintubuli sehr eng mit dem Zahnnerv (Pulpa) in Verbindung. Dentintubuli kann man sich als röhrenförmige Pulpaausläufer, die das gesamte Dentin durchziehen, vorstellen.

Beim Einsatz von Kunststofffüllungen stellt sich im Hinblick auf den Pulpaschutz zwei wesentliche Fragen:

  • Inwieweit ist es möglich, mittels Kompositen und Haftvermittlern die Pulpa vor den vielfältigen in der Mundhöhle auftretenden Einflüssen (Bakterien, Feuchtigkeit, Chemikalien) dauerhaft zu schützen?
  • Führen die aus Kompositen und Haftvermittlern selbst freigesetzten Substanzen zur Schädigung der Pulpa? Werden sie vom Körper hinreichend toleriert?

Schutz des Pulpa-Dentin-Systems

Kunststoff in Mischpatrone für Zahnprovisorium

Zahnprovisorium Kunststoff

Sobald der Zahnarzt die Halogenlampe auf die Kunststofffüllung hält, beginnt diese zu härten. Bei allen Kompositen kommt es während der Erhärtungsphase zu einer Schrumpfung, die durch eine nachfolgende Quellung infolge Feuchtigkeitsaufnahme nicht vollständig ausgeglichen wird. Dadurch können Mikrospalten entstehen, zudem unterliegen Komposite unter den in der Mundhöhle auftretenden mechanischen und thermischen Einwirkungen fortwährenden Formveränderungen.

In der praktischen Anwendung wird versucht, einen hinreichenden Verbund und Randschluß durch spezielle Verarbeitungstechniken (z. B. Schichttechnik, Trockenlegung mit Kofferdam) sowie den Einsatz von Haftvermittlern zu erreichen. Haftvermittlern kommt eine mehrfache Bedeutung zu, sie sollen einerseits das Dentins versiegeln und andererseits die Adhäsion zwischen Kompositen und Zahnhartsubstanzen (Schmelz und Dentin) gewährleisten.

Durch eine korrekte Verarbeitung und den Einsatz moderner Schmelz-Dentin-Adhäsive können heute unerwünschte Effekte wie Überempfindlichkeit nach Kompositfüllungen, Spaltbildung und/oder Mikrofrakturen reduziert werden, lassen sich allerdings nicht vollständig ausschalten.

Gewebeverträglichkeit von Kompositen und Adhäsiven

Alle zahnärztlichen Restaurationsmaterialien müssen hinsichtlich bestimmter unerwünschter Eigenschaften gewisse Sicherheitsstandards erfüllen, die durch nationale und internationale Normen sowie durch entsprechende gesetzliche Regelungen definiert sind. Jedoch darf nicht vergessen werden, dass gegenüber diesen "objektiven" Anforderungen, subjektive Interessen der Industrie stehen und deshalb müssen jegliche Ergebnisse sehr vorsichtig interpretiert werden!

Während für Patienten das Auftreten von unerwünschten Reaktionen (vor allem Allergien) bislang nur sehr selten beschrieben wurde, ist das zahnärztliche Team in dieser Hinsicht stärker gefährdet. Daraus folgt, daß bei der Verarbeitung der Materialien Vorsichtsmaßnahmen eingehalten werden müssen. So dürfen z. B. Komposite und Adhäsive nur mit Hilfe geeigneter Applikationsinstrumente zum Einsatz kommen, da selbst Schutzhandschuhe einen Hautkontakt mit der Gefahr einer entsprechenden Sensibilisierung nicht sicher verhindern können.

Der Aspekt der Pulpaverträglichkeit stellt sich nach dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand wie folgt dar: Im Fall sehr dünner Dentinschichten (unter 0,5 mm) kann es zu einer möglicherweise klinisch relevanten Diffusion von Bestandteilen aus Adhäsiven/Kompositen in die Pulpa kommen. Bei höherer Schichtdicke (ab 0,5 mm) scheint Dentin für freigesetzte Inhaltsstoffe aus Kompositen und Haftvermittlern hingegen eine wirkungsvolle Barriere darzustellen.

Die Gefahr einer Pulpaschädigung durch Säuren oder Kunststoffbestandteile, die im Rahmen der Adhäsivtechnik zum Einsatz kommen, wurde in der Vergangenheit wahrscheinlich überschätzt. Als wichtig für die Gesunderhaltung der Pulpa wird heute weniger ein vollkommen „inertes“ Verhalten der Restaurationsmaterialien als vielmehr deren Fähigkeit zur dauerhaften Abschirmung des Pulpa-Dentin-Systems (insbesondere gegenüber mikrobiellen Einflüssen) angesehen. Das Risiko einer durch Komposite und Haftvermittler hervorgerufenen Irritation der Pulpa im Sinne unerwünschter chemisch-toxischer oder physikalischer Effekte ist somit im Fall einer geschlossenen Dentindecke bei ausreichender Schichtdicke offenbar gering. Ein direkter Kontakt dieser Substanzen mit dem Pulpagewebe sollte hingegen nach wie vor vermieden werden.

Die Empfehlungen zum Pulpaschutz unter Komposit-Restaurationen wurden im Lauf der letzten Jahrzehnte immer wieder Korrekturen unterzogen. Während z. B. früher generell versucht wurde, durch das Einbringen von Unterfüllungen einen direkten Dauerkontakt zwischen Kunststoff und Dentin zu verhindern, wird heute ein gegenteiliges Ziel verfolgt. Erwünscht ist ein möglichst inniger Verbund der Kunststoffe zu Schmelz und Dentin. Dieser Verbund wird durch Haftvermittler erreicht, die nicht nur für den Schmelz, sondern auch für das Dentin spezielle Oberflächenkonditionierungen erforderlich machen – mehr dazu im Video Bonding.

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