Bringt die frühzeitige Weisheitszahnentfernung Platz im Kiefer?

 

Mädchen mit Zahnspange und offenem Mund, davor Lupebelsky

 

Brackets

Am Ende des zweiten Lebensjahrzehnts entwickelt sich bei vielen Menschen ein Engstand besonders der vorderen Zähne, der bevorzugt im Unterkiefer auftritt.

Die Folge ist, dass die Zähne übereinander sich „verschachteln“, dass stört viele, zudem ist die Reinigung auch erschwert. Viele hatten zuvor eine Zahnspangentherapie, diese späte sogenannte Zahnstellungsanomalie kann also entweder als Rezidiv nach vorangegangener kieferorthopädischer Behandlung angesehen werden, kann aber auch unabhängig davon bei Jugendlichen auftreten, bei denen nie ein frontaler Engstand vorgelegen hatte.

Der zeitliche Zusammenhang der Entstehung dieses sogenannten „tertiären“ Engstandes mit dem Durchbruch der dritten Mahlzähne (Weisheitszähne) ist auffällig, und der Einfluss der um ihren Platz im Zahnbogen kämpfenden Weisheitszähne, die dabei ihre Nachbarn scheinbar nach vorne schieben und damit den Engstand in der Front verursachen, scheint so plausibel. Vielen Patienten wird meist die Entfernung der Weisheitszähne im Unterkiefer (und damit im allgemeinen auch im Oberkiefer) angeraten, um eine Verstärkung der Raumprobleme zu verhindern.

Effizient könnte diese vorbeugende Maßnahme jedoch nur sein, wenn der Weisheitszahndurchbruch tatsächlich für die Entstehung des Engstandes verantwortlich wäre. Dies wird jedoch von der Fachwelt kontrovers diskutiert. Untersuchungen, die den engstandauslösenden Einfluss der dritten Molaren bejahen, stehen Resultate der Arbeiten gegenüber, die keine Unterschiede bezüglich der Entstehung eines Engstandes zwischen Patientengruppen mit Anlage und mit Nichtanlage der unteren dritten Molaren nachweisen konnten. Nichtanlage? – nicht bei jedem Menschen sind die Weisheitszähne angelegt, aber selbst diese können einen Engstand entwickeln!

Viele Wissenschaftler messen wachstumsbedingten Änderungen einen wesentlich größeren Einfluss auf den in diesem Alter zunehmenden frontalen Engstand bei, als den durchbrechenden Weisheitszähnen und verweisen darauf, dass in dem betreffenden Altersabschnitt der Unterkiefer noch weiter wächst, während die Oberkieferentwicklung bereits weitgehend zum Stillstand gekommen ist. Dies gilt insbesondere für das männliche Geschlecht, was das häufigere Auftreten eines tertiären Engstandes bei jungen Männern erklärt. Außerdem beobachtet man gegen Ende des Wachstums eine Rückwanderung der unteren Schneidezähne, die zusammen mit dem Wachstum des Unterkiefers und einer dadurch nachfolgenden Verstärkung des Überbisses zur Ausbildung eines Engstandes beitragen könnte.

Viele Details, die von Wissenschaftlern beobachtet werden, aber noch ungeklärt sind, könnten mit der Entwicklung des Engstandes zusammenhängen. So ist z.B. interessant, dass  bei Patienten mit Anlage der dritten Mahlzähne generell breitere Zahnformen zu beobachten sind, während bei Nichtanlage der Weisheitszähne die übrigen Zähne eine schmalere Form aufweisen. Als Erklärung für die Entstehung eines tertiären Engstandes könnte also z.B. die Zahnbreitendiskrepanz, oder aber eine ungünstige Belastung der unteren Eckzähne bei Seitbewegungen des Unterkiefers, ein verstärkter Überbiss, sowie eine unzureichende Abstützung oder Torsion der Eckzähne im unteren Zahnbogen eine Rolle spielen.

Auch die kieferorthopädische Behandlung vermag nicht immer die Raumverhältnisse in den Zahnbögen positiv zu verändern. So bringt die Extraktionstherapie z.B. der kleinen Mahlzähne ein größeres Platzangebot und der Weisheitszahndurchbruch ist dadurch erleichtert, die Wahrscheinlichkeit der Entstehung eines Frontengstandes ist deshalb aber nicht vermindert.

Unterkiefer Grafik mit Weisheitszahnbelsky

 

Weisheitszahn

Die Vielfalt der möglichen Faktoren deutet darauf hin, dass die Abhängigkeit zwischen Weisheitszahndurchbruch und Ausprägung eines unteren Frontengstandes keineswegs so linear zu sehen ist, wie es bei oberflächlicher Betrachtungsweise den Anschein haben könnte. Die Entwicklung eines tertiären Engstandes stellt sich vielmehr als sehr komplexer Vorgang dar, bei welchem neben dem Weisheitszahn eine Vielzahl anderer Faktoren eine Rolle spielen können, was eine Vorhersage außerordentlich schwierig gestaltet. Für den Zahnarzt stellt sich die Frage, welche Schlussfolgerungen sich aus den verschiedenen Untersuchungen in Bezug auf die Möglichkeiten einer Vorbeuge des tertiären Engstandes durch die Weisheitszahnentfernung ergibt?

Aus kieferorthopädischer Sicht kann dieser operative Eingriff aus heutiger Sicht nur indiziert sein, wenn ein deutlich ausgeprägter Platzmangel vorliegt, Vorbeuge vor einem Engstand ist keine Indikation. Bei der Beratung des Patienten über die Indikation, die Möglichkeiten, den Zeitpunkt, die Risiken und die Erfolgsaussichten einer Weisheitszahnentfernung ist in Bezug auf den tertiären Engstand trotz der unterschiedlichen Bewertung im Schrifttum zusammenfassend von folgenden Grundsätzen auszugehen: Die Entstehung eines frontalen Engstandes im Unterkiefer lange nach Abschluss des Zahnwechsels, der auch als tertiärer oder Adoleszentenengstand bezeichnet wird, muss als sehr komplexes Geschehen gewertet werden. Diese Form des Engstandes stellt häufig kein Rezidiv, sondern eine neue Anomalie dar. An seiner Entwicklung kann der Durchbruch der Weisheitszähne beteiligt sein; er kann sich jedoch auch bei Nichtanlage oder aber trotz Entfernung der Weisheitszähne ausbilden.

Die Keimentfernung oder Extraktion der dritten Molaren führt also nicht zur Reduzierung oder gar zur Auflösung eines tertiären Engstandes. Günstigstenfalls wird sie dazu beitragen, dass sich dieser Engstand nicht weiter verstärkt. Die Weisheitszahnentfernung korrekt liegender und mit ausreichendem Platz ausgestatteter dritter Molaren in Fällen, in denen die Entstehung eines tertiären Engstandes für möglich gehalten wird, muss als sehr umstritten bezeichnet werden.

Die Indikation zur Zahnentfernung sollte genau überdacht werden, dies ist besonders bei Patienten von Bedeutung, bei denen der Zustand der 1. oder 2. Molaren eine langjährige Erhaltung nicht erwarten lässt. Auf jeden Fall empfiehlt sich also vor der Entfernung der Weisheitszähne eine sorgfältige Überprüfung der Erhaltungsfähigkeit der restlichen Molaren. Auch ist eine definitive Beurteilung der Platzverhältnisse korrekt liegender 3. Molaren erst bei (weitgehend) abgeschlossenem Wachstum möglich. So bringt eine Weisheitszahnentfernung vor dem 14. Lebensjahr keine Vorteile; sie sollte wegen der übersichtlicheren anatomischen Situation und der eingeschränkten Möglichkeit der Beurteilung der Platzverhältnisse in der Regel erst gegen Ende der skelettalen Wachstumsphase durchgeführt werden.

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